Tagebuch einer Rollspitze

Hallo! Mein Name ist Rollspitze VII. Unter Meinesgleichen bin ich zumindest im deutschsprachigen Raum die einzige Bloggerin! Nachdem ich das Licht dieser Welt erblickt hatte, machte ich zunächst etliche Reisen und landete in einer Schreibtischlade, wo ich in einem Dämmerschlaf meinen ersten Arbeitstag abwartete.

Ich befinde mich am unteren Ende von Helis verlängertem Zeigefinger und rolle wirklich spitze (nomen est omen) – zumindest während der ersten Zeit ...

Wenn ich im Einsatz bin, habe ich nicht viel zu lachen: Ich muss pro Sekunde zwei oder mehr Drehrichtungswechsel vollführen, pralle gegen Wände, Türen, Gartenmauern und Randsteine, bleibe in Grasnarben, Rasengittern, Gullys und Maschendrahtzäunen hängen – tja, und manchmal werde ich gar dazu genötigt, meine Kunststoff-Kugelnase in Kuhfladen, Pferdeäpfel und Hundekot zu stecken, igittigitt! *rotier*

Ich verfüge aber auch über ein gerüttelt Maß an Freizeit, in der ich mir flüssiger als Wasser vorkomme, daher habe ich gleich bei meinem Dienstantritt begonnen, meine Schlüsselerlebnisse in einem Tagebuch festzuhalten:

15.8.2006

Es ist so weit: Heli nimmt mich aus der Lade und befreit mich von meiner engen Plastikhülle. Seine Freundin hat meine Vorgängerin beziehungsweise das, was von ihr übrig geblieben ist, bereits entsorgt und dreht meine Schraube in das Gewinde des Langstocks, den Heli einmal von seiner Süßen geschenkt bekommen hat und liebevoll Robby nennt. – Endlich bin ich das, wofür ich bestimmt bin!!!

11.–12.9.2006

Die Freude über meine jugendliche Frische währt nur 28 Tage, da bekommt sie den ersten Dämpfer: Meine Achse quietscht zwei Tage lang, doch Heli hat kein Maschinenöl (ich wäre auch mit Pflanzenöl oder Butter zufrieden gewesen). Er spielt mit dem Gedanken, mich in der Autowerkstätte seines Brötchengebers schmieren zu lassen, doch ich signalisiere ihm, dass ich dieses Dreckzeugs nicht schätze, indem ich mittels eines Tricks für Ruhe sorge: Ich lasse öligen Straßenstaub eindringen.

9.10.2006

Über Nacht ist meine Achse festgetrocknet! Aua! Asphalt und Pflastersteine scheuern meine Oberfläche auf, und wie das brennt, wenn Heli auf einem Teppich pendelt! Damit hat er wohl schon einschlägige Erfahrung, denn er steuert das nächstbeste Waschbecken an, hält mich unter den Wasserstrahl und dreht mich hin und her. – Unglaublich, es hilft, danke, lieber Heli!

10.11.2006

Einen ganzen Monat hat alles reibungslos geklappt, jetzt ist wieder so eine "Dusche" fällig – ja, so ist's gut!

21.11.2006

Was ist das denn? Es sind doch erst 11 Tage vergangen, nun ist die Achse erneut fast festgetrocknet! Heli, Wasser marsch! – Jaaa, danke!!!

1.12.2006

Werden die Intervalle denn immer kürzer? Wasser her!

5.12.2006

Heute hat Heli Geburtstag, da will ich ihn keinesfalls enttäuschen! Mit allen Mitteln versuche ich, das Eintrocknen zu vermeiden – mit Erfolg.

12.12.2006

Diesmal hat es wieder 11 Tage gedauert, bis – na, Ihr wisst schon! Hoffentlich ist das ein gutes Zeichen!

14.12.2006

Nein, nicht schon wieder!!!

15.12.2006

Ich dachte immer, Wassersucht sei etwas ganz anderes, aber nach nicht einmal 24 Stunden ist diese verflixte Achse noch stärker als sonst festge... blubber, blubber, blubber! – Heli hat es trotzdem geschafft, mich wieder zum Rollen zu bringen, uff!

Gegen Abend hat Heli mit "Robby", also mit seinem Langstock, die Wohnung verlassen, um einen Christbaum und Weihnachtsschmuck zu besorgen. Eine ältere Frau und deren Mann haben vor der Haustür mit dem Auto gewartet und sind beim Einkaufen behilflich gewesen. Wir sind gut eine Stunde später zurückgekehrt, und die Frau hat den Baum in einem Netz unterm Arm auf den Balkon hinausgetragen. Währenddessen hat Heli etwas Wasser in einen Eimer laufen lassen. Zuerst habe ich gedacht, dass das kühle Nass für mich bestimmt ist, doch er ist damit ebenfalls auf den Balkon gegangen, wo die Frau den Baum zum Frischhalten in den Eimer gestellt hat – ich hätte mich sooo gern dazugesellt!

3.1.2007

Geschlagene 19 Tage bin ich ohne "Dusche" ausgekommen, die trockene Kälte hat mir nichts anhaben können! Brav, gell? – Doch heute früh ist der Rollwiderstand durch Schmutz, den ich bei Helis vergeblicher Suche nach Schnee auf der nassen Wiese neben dem Gehsteig aufgesammelt habe, so groß geworden, dass nur noch ein Bad geholfen hat!

4.1.2007

Könnte ich seufzen, würde ich es jetzt tun, denn 30 Stunden nach der letzten "Schmutzolyse" ist die nächste fällig gewesen!

16.1.2007

Meine Achse blockiert mal wieder zeitweise; ich möchte einen Schluck Wasser haben, ich habe sowieso lange ohne welches ausgeharrt, gell! Heli löscht meinen Durst und lässt mich wissen, dass ich gute Chancen habe, als längstdienende Rollspitze in Robbys Geschichte einzugehen! *freu*

24.1.2007

So sieht also Schnee aus! Dass ich das noch erleben darf – geil! Wenn er nicht so kalt wäre, würde ich ihn direkt als kuschelig bezeichnen – wie Watte! Mal kosten ... Oh, viel Wasser drin, super! *schlürf*

29.1.–3.2.2007

Meine Achse dreht sich super, doch irgendwie entsteht dabei ein Schleifgeräusch, als hätte sich Papier darin verfangen – da ist aber kein Papier!

4.2.2007

Das Papiergeraschel ist weg, dafür hat Helis Freundin entdeckt, dass Rost aus mir herausrinnt! Ob ich es dennoch schaffe, ein halbes Jahr alt zu werden?

14.2.2007

Ups, jetzt hat sich meine Achse wohl endgültig festgefressen; das altbewährte Wasserbad hat leider keine Abhilfe mehr gebracht! Allerdings habe ich mit großer Erleichterung festgestellt, dass ich die Reibung, die beim Pendeln entsteht, nicht mehr als schmerzhaft empfinde. Wenn mir die Kugelnase bis morgen Nachmittag nicht abfällt, bin ich volle 6 Monate im Einsatz; das hat noch keine meiner baugleichen Vorgängerinnen geschafft! *gaaanzstolzaufmichbin*

15.2.2007

Hah, das halbe Jahr ist vollbracht! Jetzt habe ich nur noch einen Wunsch: Heli, bitte erspare mir die Schmach, meine Nase irgendwo im Freien zu verlieren; montiere noch heute die Rollspitze mit Aluminiumnase!

Nach Feierabend hat Heli versucht, mich herauszudrehen, aber das ist gründlich schief gegangen; jetzt will er abwarten, bis er seinen Langstock in die Autowerkstätte seiner Firma geben kann; hoffentlich geht das nur gut!

19.2.2007

Meine Achse hat sich wieder zeitweise gedreht, aber das Wasserbad hat keine Besserung gebracht.

20.2.2007

Heute früh habe ich meinen Dienst quittiert, ohne die Nase zu verlieren! Der Kfz-Mechaniker hat mich geföhnt und eingesprüht, um das Gewinde zu lösen; ab sofort ist Rollspitze 8.1 im Einsatz (8 steht für die achte Robby-Rollspitze, 1 für die erste aus Alu). Mein letzter Wille lautet: Ich möchte, dass aus meiner Kunststoffnase ein Kaffeebecher produziert wird – vielleicht komme ich dann wieder in Helis Nähe!

---
ENDE


Wenn dir dieser Artikel gefallen hat, dann mache doch bitte einen Eintrag in mein Gästebuch!

Zum Seitenanfang
Diesen Artikel drucken

Quelle: