Das Binnen-I-Unwesen

Liebe Leserin, lieber Leser, ich habe mich zwar daran gewöhnt, dass in vielen Schriftstücken auf die separate Nennung der Geschlechter wie bei Schülerinnen und Schüler verzichtet, stattdessen zu einer nicht Duden-konformen Schreibweise gegriffen wird, nämlich SchülerInnen anstelle von Schüler/-innen oder Schüler(innen), aber als ich einmal eine Rundmail erhielt, in der von MitgliederInnen die Rede war, stellten sich bei mir schlagartig sämtliche Haare auf – selbst die auf den Zähnen! Ich kontaktierte den Absender und wies ihn darauf hin, dass das Wort Mitglied geschlechtsneutral sei und demzufolge nicht feminisiert werden könne. Dieser antwortete, dass er sich dessen sehr wohl bewusst sei; doch seien ihm die Hände gebunden, eine Leserin seines Rundbriefs habe sich bitterböse beschwert; sie habe sich diskriminiert gefühlt, weil er einmal nicht MitgliederInnen geschrieben habe. Ich erwiderte, dass ich dieser Person etwas "erzählt" hätte! –

Inzwischen habe ich meine Fassung wiedererlangt, die Angelegenheit an sich aber noch nicht restlos verdaut, deshalb schreibe ich jetzt eine Geschichte über die Auswüchse, die der Unfug mit dem großen I im Wortinneren entwickeln könnte, wenn man ihm keinen Riegel vorschiebt. Wir tauchen also ein ins Geschehen von Sankt Irgendwo in Jemandsland, wo das "Gender Mainstreaming", wie die gleichstellungsorientierte Politik auf Neudeutsch genannt wird, längst "Früchte" getragen hat:

Die OberbürgerInnenmeisterin blickte ein letztes Mal aus ihrem Bürofenster auf die FußgängerInnenzone hinab, wo sich unzählige Einkaufslustige tummelten; nach diesem Wochenende würde ihr männlicher Stellvertreter vom konservativen Lager für die zweite Hälfte der fünfjährigen Legislaturperiode das OberbürgermeisterInnen-Sitzm÷bel übernehmen. Sie war dann zwar nur noch VizebürgerInnenmeisterin, aber das war von vornherein so vereinbart worden. Sie hatte während ihrer relativ kurzen Amtszeit dennoch viel bewegt, vor allem hatte sie durch Flugblätter, Plakataktionen und Anzeigen im Lokalblatt bewirkt, dass die Gleichstellung in allen Belangen auch bei den allergrößten Sturköpfen – sorry, SturköpfInnen – in Fleisch und Blut übergegangen war. So wurden alle Straßen, Gassen und Plätze, die einer prominenten Person gewidmet waren, mit Namen wie DichterInnenstraße, MinisterInnengasse, WohltäterInnenweg oder DirigentInnenplatz versehen (für ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen weiblichen und männlichen NamensgeberInnen hatte die Stadt leider zu wenige große Töchter hervorgebracht); selbstverständlich wurden auch alle Verkehrszeichen und Hinweisschilder mit maskulinem Inhalt gegen geschlechtsneutrale ausgetauscht und so beschriftet, dass sich Frauen und Männer gleichermaßen angesprochen fühlten. – Ja, sie, die Noch-OberbürgerInnenmeisterin, war zurecht stolz auf sich und ihre BürgerInnen!

Verkehrsschild: "Für RadfahrerInnen"
Ein Linzer Verkehrszeichen! (Das Bild stammt aus dem Wikimedia-Commons-Archiv.)

Am Montag erfolgte auf dem Rathausplatz im Rahmen eines großen Festaktes die Amtsübergabe. Der neue OberbürgerInnenmeister hatte zuvor in einer eilends einberufenen Stadtvertretungssondersitzung den Auftrag erhalten, der bisherigen OberbürgerInnenmeisterin das EhrenbürgerInnentum zu verleihen. In der Laudatio unterstrich er ihre großen Verdienste um die Stadt Sankt Irgendwo und überreichte ihr unter tosendem Applaus samt Blitzlichtgewitter das Ehrendokument und ein Blumengebinde ("Ehrenurkunde" und "Blumenstrauß" waren tabu, weil nicht geschlechtsneutral).

Tags darauf saß der neue OberbürgerInnenmeister gerade beim Frühstück und las die Morgenzeitung, als sein zehnjähriger Sohn ihm voller Stolz eine Klassenarbeit zur Unterschrift präsentierte, die von der Deutschlehrerin mit Note 1 beurteilt worden war. Der Vater händigte ihm den Zehner aus, der für diese Zensur winkte (für Zweien gab's einen Fünfer, für Dreien bekam er nichts, bei Note 4 musste der Filius einen Fünfer, für Fünfen einen Zehner abdrücken), dann erst las der OberbürgerInnenmeister den Aufsatz seines Sohnes über den Radausflug, den die Schule neulich veranstaltet hatte:

Letzten Dienstag machte unsere Schule bei KaiserInnenwetter einen FahrräderInnenausflug zum EntInnengewässer, von wo unser Trinkwasser kommt.

Zunächst mussten wir die RäderInnen etwa 200 MeterInnen weit auf dem BürgerInnensteigInnen schieben und zwei ZebrastreifInnen überqueren, ehe wir endlich den RadfahrerInnenweg erreichten.

Nach etwa 30 MinutInnen erreichten wir unser Ziel und setzten uns ins Gras. Wir packten unsere RucksäckInnen aus und stärkten uns mit ObstsäftInnen und KinderInnenmilchschnittInnen. Leider waren die MülleimerInnen am EntInnengewässer voll, sodass wir die AbfällInnen mit nach Hause nehmen mussten. Es waren auch keine ToilettInnen vorhanden, doch das war nicht so schlimm, weil keine fremden MenschInnen da waren; die Jungs und die männlichen LehrkörperInnen verrichteten ihr Geschäft einfach hinter einem Baum, während die Mädels und die fraulichen LehrerInnen ins Gebüsch gingen. Nur zu gern hätten wir gebadet, aber das ist dort verboten. Trotzdem hatten wir es sehr lustig. Solche AusflügInnen sollten öfter stattfinden!

Während der Lektüre wechselte der OberbürgerInnenmeister mehrmals seine Gesichtsfarbe zwischen Rot, Grau, Weiß und Grün, und die BuchstabInnen begannen vor den Augen zu tanzen. Nur mit Mühe gelang es ihm, den Aufsatz zu Ende zu lesen. Mit zittriger Hand kritzelte er das Autogramm darunter und gab das Heft seinem Sohn zurück, der freudestrahlend die Küche verließ – offenbar hatte er nichts von der väterlichen Krise bemerkt.

Der OberbürgerInnenmeister wischte sich die Schweißperlen von der Stirn, vergrub das Gesicht in den Händen und sagte kopfschüttelnd zu seiner Frau: "Nein, nein, nein, ich fasse es nicht, ich fasse es nicht!" "Was ist denn los mit dir, Schatz", fragte sie besorgt, "geht's dir nicht gut?" – "So weit haben wir's gebracht, dass unsere Kinder nicht mehr richtig sprechen und schreiben können – du hast den Aufsatz doch auch gelesen – und ich habe den Unfug auch noch mitgetragen, weil ich unbedingt Oberbürgermeister werden wollte! Geworden bin ich OberbürgerInnenmeister und mein Stammhalter bekommt ausgezeichnete Noten für Klassenarbeiten, die einen Ortsfremden in schallendes Gelächter ausbrechen lassen!" –

Noch am gleichen Tag berief er eine außerordentliche Stadtvertretungssitzung ein, in der er seinen sofortigen Rücktritt androhte, falls sich die Anwesenden weigern sollten, die sprachlichen Änderungen rückgängig zu machen. Da sich niemand bedroht fühlte, nahm er laut fluchend seinen Hut und wanderte mit seiner Familie nach Sacramento in Kalifornien aus, wo ihm sein alter Schulfreund Arnie einen Job als Gärtner besorgte. Und er schwor sich, nie wieder deutsch zu sprechen!


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Zuletzt aktualisiert am 15.3.2009
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