Mein allererster Schultag – wahrscheinlich der wichtigste Tag in meinem Leben

Anfang der 1970er-Jahre gab es in meinem Heimatort Andelsbuch noch keinen Kindergarten; man wechselte also nahtlos von der Kinderstube auf die Bildungsleiter – den Umgang mit seinen Mitmenschen lernte man in der Familie und bei Spiel und Streit mit Nachbarskindern. So musste ich des Öfteren wehmütig mit ansehen, wie mein zehn Monate älterer Lieblingsspielgefährte an meinem Elternhaus vorbei Richtung Volksschule marschierte, während ich als Dezembergeborener erst ein Jahr nach ihm eingeschult werden sollte – ein vorzeitiger Schuleintritt war zu jener Zeit entweder nicht möglich oder ich war der Einzige, der mir das zutraute.

Irgendwann im Frühling beschloss ich, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. In einem unbeaufsichtigten Moment nahm ich mangels eigener Schultasche die meiner nächstälteren Schwester auf den Rücken und machte mich auf den Weg. Wenn ich denen in der Schule zeigte, dass ich schon lesen und schreiben konnte, würden sie mich nicht abweisen; da war ich mir ganz sicher!

Etwa fünf Minuten später hatte ich mein Ziel schon fast vor Augen; ich musste nur noch den Gasthof "Zur Taube" passieren, die Hauptstraße und den Kirchplatz überqueren und die Kirche umrunden ... In diesem Augenblick holte mich meine Mutter mit dem Fahrrad ein, und ich musste unverrichteter Dinge wieder mit nach Hause gehen. So endete mein erster Schultag, noch bevor er richtig begonnen hatte. Den "Verräter" machte ich im bereits erwähnten Gasthof aus: Ein Bruder der Wirtsleute hatte meinen Eltern telefonisch mitgeteilt, dass ein Bübchen aus ihrer Familie mit einer Schultasche unterwegs war, obwohl gerade Osterferien waren.

Dieses Desaster auf ganzer Linie hat mich wahrscheinlich so nachhaltig geprägt, dass ich mich seither in Sachen Schulbildung nie wieder irgendwo vorgedrängt habe – im Gegenteil: Ich wählte stets den Weg des geringsten Widerstandes und ging nach der Hauptschule ins Exil nach Wien, wo ich mich am Bundes-Blindenerziehungsinstitut zwei Jahre lang erfolgreich höherer Schulbildung entziehen konnte. Dennoch kehrte ich mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung in meine Heimat zurück: als staatlich geprüfter Betriebstelefonist. Für eine Auszeichnung reichte es zwar nicht, denn ich konnte zwei Fragen zur Fernsprechordnung der damaligen Österreichischen Post- und Telegraphenverwaltung nicht beantworten – aber wen interessiert das heute noch ... Das Prüfungszeugnis war jedenfalls gut genug, um die Arbeitsstelle zu bekommen, die ich auch heute noch besetze.

Wenn sich am Pensionssystem nichts Grundlegendes ändert und meine Gesundheit mitspielt, kann ich mich Mitte 2026 aus dem Berufsleben zurückziehen und – wer weiß – vielleicht hole ich dann die Matura nach ...


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Zuletzt aktualisiert am 22.12.2010
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